Szene aus "Ein Quantum Trost" © Sony Pictures"Wie ich es mir vorstelle"
Trotz Finanzkrise werden die Deutschen wohl vorerst weiter zu den fleißigsten Reisenden gehören. Wenn es aber um die Begegnung mit Fremdsprachen geht, wagen sich die Germanen nicht wirklich über den Tellerrand hinaus: Die inneren Sprachbarrieren bleiben bestehen – vor allem Dank der immer noch florierenden Synchronisationsindustrie.
Von Lasse Dudde
Fragt am 15. September 2008 die Mutter einer Schülerin der Klasse 9 D der Lübecker Ernestinenschule bei einem Elternabend eine der Fachlehrinnen: „Wieso sprechen Sie in Ihrem Englischunterricht eigentlich mit den Schülern immer Englisch?“
Am selben Abend hören mehrere Menschen gleichzeitig die Stimme von Christian Brückner.
Preisfrage: Worin besteht der Zusammenhang?
Ein Tipp: Christian Brückner ist einer, vielleicht sogar der Renommierteste unter den deutschen Sprechern der Gegenwart. Er spricht Hörbücher, leiht ergreifenden Dokumentarfilmen seine Stimme, und – Brückner spricht synchron.
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Das heißt: der Mann, Jahrgang 1943, spricht deutsch, wenn der eigentliche Schauspieler eine andere Sprache spricht als deutsch, und das tun viele ausländische Schauspieler. Eigentlich alle.
Allein: In Deutschland haben Schauspieler deutsch zu sprechen, und wenn ein Robert de Niro oder ein Warren Beatty oder ein Martin Sheen oder ein Robert Redford dies schon nicht von selbst tun, dann ist Christian Brückner zur Stelle, steht vor einem Studiomikrofon und tut so, als sei er selbst in diesem Moment einer von ihnen – nur eben auf deutsch.
Des Rätsels Lösung: Von jeher gewohnt, dass eine Greta Garbo, ein Cary Grant, eine Juliette Binoche ebenso wie ein Keanu Reeves die selbe Sprache zu sprechen scheinen wie ein Didi Hallervorden oder ein Ronald Pofalla, kann es deutschen Gymnasiastinnenmüttern schon mal spanisch vorkommen, wenn eine Englischlehrerin in ihrem Englischunterricht Englisch spricht und sprechen lässt.
Denn im Land der Reiseweltmeister und der entlarvenden Pisa-Studien gilt seit Jahrzehnten die Devise: Fremdsprachen sind etwas für Fremde, und Fremde sind nicht von hier. Wir sind wir und deutsch.
Deshalb: So richtig Englisch können (und also auch verstehen) – schön und gut. Aber wozu? Schließlich muss es doch reichen, wenn man morgens ins Office geht, vom Notebook aus die E-Mails checkt, beim Meeting mit dem Chief Operating Officer ein Agreement in Sachen Business Development settled und sich anschließend noch ein Coffe To Go ordered und nach dem After-Work-Workout noch online einen Haufen Trash chattet. Muss es denn immer gleich auch die ganze Sprache sein?
Schwarzer Mime, weiße Stimme
Diese Haltung ist mindestens so neu wie Provinzialität des deutschen Schlagers, und so wundert sich kaum ein Zuschauer, wenn englische Darsteller aus unerfindlichen Gründen plötzlich vom Sie auf das Du wechseln, wenn ein- und derselbe Schauspieler (z.B. Richard Widmark) bis zu 21 verschiedene deutsche Stimmen hat und ein- und dieselbe Stimme (Arne Elsholtz) sowohl aus dem Mund eines Tom Hanks, eines Kevin Klines, eines Bill Murrays,eines Jeff Goldblums sowie eines Steve Guttenbergs zu ertönen scheint.
Beispiel für unsynchronisierbaren Original-Ton aus Louis des Funés-Film
Ein schwarzer Mime wie US-Star Denzel Washington ist in Deutschland scheinbar nur durch die weiße Stimme eines Dietrich Georg Boden, eines Thomas Vogt, Randolf Kronberg, Manfred Lehmann, Lutz Mackensy, Detlef Bierstedt, Thomas Wolff, Thomas Petruo oder – Christian Brückner – verständlich.
Und Ob Chinesen, Mongolen, Japaner, Afrikaner, Inder oder Mexikaner: Es muss schon die deutsche Einheitssprache von Angela Merkel oder Harald Juhnke sein, damit es keine Missverständnisse gibt.
Sprachwitz, überhaupt Authentizität? Fehlanzeige: Indes: Lippen, die sich nach dem Ende eines Satzes stumm weiterbewegen; Studiostimmen, die den Schauspieler beleidigen; Metaphern und Wortspiele, die die Übersetzung nicht überstehen, kennzeichnen den nachbehandelten Spielfilm. Reiner Brandt, einer der Synchronisations-Legenden in Deutschland, weiß, wie's geht: „Als Autor wie als Regisseur brauche ich die Freiheit, den Text so zu gestalten, wie ich es mir vorstelle..."
Hardcore-Beispiel Singing in the Rain - auf deutsch
Angemessen ärgerte sich deshalb auch kürzlich „Spiegel-Online“-Redakteurin Jenny Hoch über die Verdeutschung etwa der aktuellen "Sarah Silverman Program"-Show: „Das Ergebnis ist erschütternd unlustig. Aus einem Wortspiel wie "Gayghbours", mit dem Sarah ihre homosexuellen Nachbarn tituliert, wird ein laues "schwule Nachbarn". Noch schlimmer: Wie ein dicker Teppich überdeckt die Übersetzung alle sprachlichen Feinheiten und dämpft die scharfen kulturkritischen Spitzen der Show. Wenn Silverman etwa in einer Episode den Charity-Wahn der Amerikaner als egoistisch entlarvt, wirkt das auf Deutsch einfach nur plump.“
Die Gewohnheit regiert die Wünsche
Eine Studie des inzwischen aufgelösten Europäischen Medieninstituts in Düsseldorf stellte bereits Anfang der 90-er-Jahre den überraschungsarmen, aber dennoch bezeichnenden Zusammenhang von Fernsehgewohnheiten und Fremdsprachenkenntnissen her. Wünschten damals etwa 78 Prozent der (Synchronisation gewohnten) Deutschen synchronisierte Fassungen von „Casablanca", „Ghandi" oder „Dallas", waren hingegen 82 von 100 (durch untertitelte Originalfassungen sozialisierte) Niederländer Originalfassungen mit Untertiteln.
Von wegen Schau mir in die Augen, Kleines: Schlussszene aus Casablanca im O-Ton
Und der Bildungsgrad spielte bei den Präferenzen überhaupt keine Rolle: Entsprechend geordnet, erteilten 74 Prozent der Niederländer mit geringer Schulbildung der Texteinblendung ihre Präferenz. In Deutschland konnten sich gerade mal neun Prozent gegen die Nachvertonung entschließen - von den Akademikern.
In Holland spricht jeder zweite Bürger neben Deutsch (61 Prozent) auch Englisch. In Deutschland sollen es 30 Prozent sein - die Frage ist nur: wie?
Nicht viel anders sieht es in den Nachvertonungs-Hochburgen Italien und Frankreich aus: Hier klärten merkwürdig mediterrane Tatort-Kommissare Verbrechen auf, dort sorgen sie in der Sprache Molieres für Ruhe und Ordnung. Die logische Folge: Noch heute spricht nur jeder vierte Franzose Englisch, in Italien gar nur jeder achte. In Skandinavien, im PISA-Ranking sowieso weit vorn, beherrschen rund 80 Prozent der Bevölkerung die Weltsprache Nummer eins. Wie in den Niederländern wurde auch hier nie synchronisiert.
Kleine Länder, die sich eigene Sprachausgaben nicht leisten konnten oder wollten, sind sprachtechnisch logischer Weise im Vorteil: Die Zuschauer dort kennen Fremdsprachen sozusagen aus dem Fernsehalltag, es gilt das Konzept learning by hearing &watching.
Synchronisations-Parodie: Der Terminator auf Bayerisch
Und während selbst in der deutschen Tagesschau bei kurzen fremdsprachigen Politiker-Statements eine deutsche Off-Stimme den O-Ton überdeckt, greift man in Nordeuropa oder den Niederlanden oder beispielsweise auch in der dreisprachigen Schweiz auf Untertitel zurück.
Längst besteht heute bei einer DVD die Möglichkeit, wahlweise nicht nur auf die Originalfassung zurückgreifen, sondern auch zwischen Untertiteln in der gesprochenen Sprache oder auf Deutsch zu wählen. Umfragen der Verleiher zufolge bestimmt aber selbst in Zeiten des überwiegend englischsprachigen Internets nach wie vor die Bequemlichkeit den Ton.
Und nicht nur bei der Mutter einer Lübecker Gymnasiastin.
Homepage Gegen Synchronisation (mit weiter führenden Links)


